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Ästhetischer Widerstand - per se im Wandel (2015)

Seminare/VorträgePosted by artpromotor Sat, January 02, 2016 11:45:22

Spricht man über ästhetischen Widerstand bedarf es einer Definition, zumindest was den Widerstand betrifft. Wider-stehen, ist eine Aktion, die sich zur Wehr setzt. Es wird versucht einer Kraft, einer Macht zu widerstehen. Das bedeutet, dass eigene Handeln/Denken ist nicht mit der der Masse konform. "Nirgendwo zeigt sich deutlicher, dass unser einzig wirkliches Problem heute im Schweigen der Masse, im Schweigen der schweigenden Mehrheit besteht." (Baurillard:30) Da wo die Mehrheit schweigt, manifestiert sich auch der Widerstand. Das Schweigen soll durchbrochen werden, um die Energie der Masse zu entfesseln. "Man muss die ´Energie´ der Masse freisetzten, um sie in `Soziales´ zu verwandeln." (Baurillard:31) Der ästhetische Widerstand will das Gleiche. Er will das Diktat von Formen und Symbolen, das die Masse schweigend toleriert und benutzt, brechen. Er will dem ästhetischem Gleichschritt etwas entgegensetzten. Es ist der Massengeschmack der ihn dazu zwickt, etwas "anderes und neues" in die Welt zu setzten. Die Avantgarde im Ausdruck ist immer ein ästhetischer Widerstand. Sie bietet eine neue "Ansicht auf die Dinge der Welt", deshalb ist sie per se politisch. Denn neue Ansichten, Standpunkte hinterfragen das "Allgemein" Dargebotene, den Konsens. Der ästhetische Widerstand stellt sich bildhaft dagegen, er will auch das Abbild in etwas "soziales" einbinden.

Da sich aber unsere Massen-Ästhetik auch permanent wandelt ist der ästhetische Widerstand gegen diese, dazu verdammt sich permanent zu verändern. Tut er das nicht wird seine Wirkung stumpf. Die ästhetische Waffe verfehlt dann seine Aufgabe und wird einverleibt in die Massen-Ästhetik. An Beispiel des Ready-mades ist dies gut nachzuvollziehen. Das Ready-made (Objet trouvé) das Marcel Duchamp prägt wie kein anderen [ Fahrrad-Rad (1913)], war als Angriff auf das Bürgerliche Kunstverständnis seiner Zeit zu verstehen. Die Salon Kunst war das Angriffsobjekt und die Haltung die es vertrat. Sowie der Dadaismus und der Surrealismus, beide waren Kunstrichtungen des ästhetischen Widerstandes, gegen die Massen-Ästhetik der damaligen Zeit. Heute ist das Ready-made immer noch in vielen zeitgenössischen Ausstellungen zu finden und es bleibt die Frage wogegen wendet es sich? Ist es nicht schon lange in die Massen-Ästhetik eingegangen, provoziert es überhaupt noch jemanden? Duchamp wollte und hat mit seinen Arbeiten provoziert. Der Schock, das die Alltags-Ästhetik nun in die Räume des Kunst-Salons eintrat, provozierte damals ein Überdenken des Kunstbegriffes. Aber heute ist das Ready-made stumpf geworden. Jeder Kunstverein, jeder Kurator scheint es gerne zu Zeigen, nicht im einem historischen Sinne, was ja passend wäre, sondern in einen zeitgenössischen Sinne. Es war progressiv gemeint und wurde im Laufe der Zeit konservativ betrachtet, als normales Kunstwerk. Auch junge Künstler versuchen sich am Ready-made aber oft übersehen sie dass diese Kunstform den Charakter des Widerstandes verloren hat. Natürlich gibt es Ausnahmen die heute noch provozieren können, aber diese Provokation, dieser Widerstand findet dann durch die "Intension" des Kunstwerkes statt, nicht weil es die Form des Ready-mades gewählt hat. Ein Ready-made an sich war, aber ist nicht mehr ein Widerstand im Ästhetischen. Eine all zu oft gezeigte Dachlatten / Baumarkt-Ästhetik hat heute per se nichts mit der Widerstandkraft von Duchamp zu tun. Gezeigt sollte an diesem Beispiel werden, dass ästhetischer Widerstand immer im temporären Kontext gelesen werden muss. Es muss immer die Frage mitgedacht werden, welcher Ästhetik, welchem Geschmack widersteht es.

Und wie hat sich die Massen-Ästhetik gebildet, welche Ideen werden hier "ausgeformt", wie ist das Verhältnis zum "sozialen"?

In meinem Vortrag würde ich über die Arbeiten von David Wojnarowicz sprechen, die auch zwanzig Jahre nach seinem Tode an Widerstandskraft nichts verloren haben. Sie sind politisch aufgeladen, sie sind gewaltvoll in ihrem Ausdruck und manchmal schmerzvoll in ihrem Anblick. Sie Widerstehen einem "leerem" Schein auch wenn er noch so avantgardistisch auftritt. Denn "Die Masse [die Massen-Ästhetik] ist nur deshalb Masse, weil ihre soziale Energie bereits erkaltet ist. (Baurillard:32)" Eine Ästhetik des Widerstandes muss energetisch aufgeladen sein, denn sie braucht diese Energie um die Massen-Ästhetik aufzubrechen. Sie ist in Sinne von McLuhan "Hot" (Ein heißes Medium) da sie nur ein einziges Ziel verfolgt, den Widerstand.

Baurillard, Jean: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder das Ende des Sozialen

Matthes & Seitz, Berlin

von

Dr. Helge H. Paulsen