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Ein Sample aus:

Seminare/VorträgePosted by Pro. Wed, December 21, 2011 00:09:35

aus dem Vortrag:

4) Photographie `77 – Ein Diskurs zum fotografischem „Turning-Point“ von 1977

(...) Eine Ausstellung 1977 im alternativ Artists Space in New York, die von Douglas Crimp kurratiert und mit Pictures betitelt wurde, gab dieser Generation ihren Namen. Die Picture Generation ist eine Kernzelle der Postmoderne, denn sie sollte für die 80er Jahre stilistisch und thematisch prägend werden. Wojnarowicz war im gleichen Alter, am selben Ort und arbeitete fotografisch, wie die Künstler der Picture- Ausstellung. Die Namen der ausgestellten Künstler und Künstlerinnen sind heute feste Markierungspunkte in der Fotografiegeschichte. Sherman, Kruger, Prince, Longo, Levin und Goldstein stehen jeweils für unterschiedliche fotografische Arbeitsweisen. Jack Goldstein z.B. kam nicht aus New York, sondern studierte bei John Baldessari [ab 1970 Lehrstuhl am California Institut for the Arts] an der Westküste. Zu seinen Schülern gehörten unter anderen auch Mike Kelly, David Salle oder James Welling. (Hier zeigt sich, dass sich die Postmoderne als landesweites Phänomen entwickelte, hauptsächlich in den Zentren der Hippi-Kultur Californien und der Beat Generation New York.) Baldessari, der schon früh seine eigenen Gemälde verbrannte [Cremation Projekt], um sich ganz auf Videokunst, Performances und Fotografie zu konzentrieren, war einer der Impulsgeber. „Seine frühen Bild-Text-Kombinationen gelten als entschiedener Anstoß für die Konzeptkunst, seine Fotografiekompositionen vom Anfang der 80er Jahre als bestimmend für die Appropriation Art. […] Baldessari: Für mich haben ein Wort und ein Bild denselben Wert, in einem gewissen Maß sehe ich mich als Schrifftsteller “ (Frenzel 2011: 65).

Die Fotografen der Picture Generation erkannten die in Umlauf gebrachten Bilder, egal woher sie stammten, immer als ideologisch. So wie die Genderforschung den Sexus – das biologische Geschlecht vom Gender, also von der soziokulturelle Konstruktion des Geschlechtes trennt, trennten sie das Bild von ihrem Erscheinungsumfeld und analysierten es neu. Die Gesellschaftskritik fand hier durch eine Prüfung des vorhandenen Bildes statt und der Frage nach seinem Eigentümer. Die Werksgruppe „Evidence“ zum Beispiel, die im selben Jahr der Picture Ausstellung 1977 von Larry Sultan und Mike Mandel veröffentlicht wurde, zeigt die extremste Form der Aneignung, da allein die Auswahl der Fotografien, den schöpferischen Akt der Künstler ausmacht. Sie suchten in Archiven der Polizei, von Forschungseinrichtungen und dutzender anderer Firmen, Verwaltungen und Bildungsinstitutionen nach Fotografien, die als möglichst „objektive Dokumente“ fotografiert und eingesetzt worden waren. Davon wurden 50 Fotografien als künstlerischer Bildband unter den Namen Evidence veröffentlicht. Das Konzept, den Betrachter zu verunsichern funktionierte. Die Dokumentarfotografien traten nun auf wie Kunstfotografien, in einem völlig neu zusammengestellten Kontext, und was konnten und sollten sie nun noch Beweisen? Mit der Aneignung wurde die ganze fotografische Arbeit der Fotografen obsolet. Der Künstler, der Fotograf wurde dadurch noch unsichtbarer in seinem Werk. In der Postmoderne fand ein Paradigmenwechsel auch in der Fotografie statt. Der anscheinend zwingenden Zusammenhang zwischen Objekt, Abbildung des Objekts, also Fotografie und Aussage des gezeigten, scheint sich im Laufe der Fotografiegeschichte immer weiter aufzulösen. Das Misstrauen gegenüber jeglicher „Beweißfotos“, drückt die kritische Haltung der postmodernen Fotografen gegenüber den öffentlichen Medien aus. Erfolgsnachrichten aus Vietnam passen nicht zu den alltäglichen medialen Bildern. Bilderproduktionen werden hinterfragt, das Bild an sich sagt allein nichts, sondern es ist immer einem subjektiven Deutungsmuster unterworfen. Dieses individuelle Deutungsmuster ist wiederum ein Konstrukt aus politischen, sozialen und kulturellen Erfahrungen. Dennoch laufen zwei fotografische Strömungen parallel in der Postmoderne nebeneinander, das inszenierte und das dokumentierte Foto. Wobei sich die Fotografen nicht mehr auf eine von beiden Arbeitsweisen beschränken, sondern oft beide Strategien benutzten. Hier möchte ich auf den schon erwähnten Film A Fire In My Belly von Wojnarowicz zurückkommen. Der Stein des Anstoßes war die Szene, in der das Kruzifix von Ameisen überlaufen wird. Die eigenständige fotografische Arbeit [Ant Series, Untitled (Spirituality) 1988 - Diese Arbeit ist Teil der Sammlung der Tate Collection in London] zeigt einen Filmstill aus dieser Szene. Hier ist die Inszenierung offensichtlich, da eine bestimmte Aussage des Fotos konstruiert werden sollte. Der Film zeigt aber in einer eisensteinschen Schnittart, die durch harte Brüche im Tempo und Perspektive formuliert wird, das Inszenierte und Dokumentarische nebeneinander. Er ist sozusagen eine Verschmelzung von z.B. dokumentarischen Straßenszenen in Mexiko und inszenierten Szenerien. Hier wird den verschiedenen fotografischen Arbeitsweisen der gleiche Wert zugesprochen, ja jedem Bild. Die fotografische „Glaubensfrage“ inszeniert oder dokumentarisch zu arbeiten, stellen sich die Fotografen der Postmoderne nicht, denn die Aussage des Bildes ist wichtiger als der Objektivitätsanspruch in Sinne eines Beweises. Der Film zum Evidents Projekt, der nur aus „Beweißmaterial“ besteht, ist dadurch nicht eindeutiger oder glaubhafter. Wojnarowicz war ein rein analoger Fotograf, der zu früh verstarb, um das digitale Fotografieren genauer kennen zu lernen. Mit der aufkommenden Digitalisierung der Fotografie in den 1990er Jahren verwischt der Unterschied zwischen Inszenierung und Dokumentation noch mehr, da die Postproduktionen, also die Manipulation, einer Inszenierung gleichkommt. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Postmoderne diejenige Phase ist, in der die Fotografie nicht nur als theoretisches Objekt durchdekliniert wird, sondern sie sich auch zum Massenmedium etabliert. (...)


Text by artspace pro.