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Jean Baudrillard und die Plurale Ökonomie

Seminare/VorträgePosted by artpromotor Fri, July 01, 2016 09:40:04

Jean Baudrillard und die Plurale Ökonomie - ein sozial- und kulturwissenschaftlicher Denkansatz.

Ganz im Sinne der Pluralen Ökonomie wird hier der Ansatz verfolgt, dass die Ökonomie keine Naturwissenschaft ist, sondern eine Kultur- und Sozialwissenschaft. Begriffe wie Konsumethik, Arbeit und Tod sollen hier mit Hilfe von Baudrillard betrachtet werden. Eine Grundannahme ist dabei dass, der Reichtum der Dinge in unserer kapitalistischen Welt mit einer Armut an zwischenmenschlichen Beziehungen einhergeht. Die Dinge verdrängen das menschlichte, sie diktieren uns ihren Rhythmus und ihre Funktionsgesetzte. Vilem Flusser verdeutlicht dies am Beispiel des Fotoapparates. "Die Kamera ist ein Schmelzpunkt von Theorie und Praxis. In der Kamera hat sich der absichtliche Charakter der Sicht zu einem Apparat verwandelt. Die fotografische Sicht ist die absichtliche Sicht in ihrer bisher technisch vollständigsten Form. Wer die Absicht der Sicht untersuchen will muss nur die Kamera analysieren (…)" (Flusser, 1998: 38) So ist der fotografische Blick ein technisch antrainierte Blick. Ein Beispiel wie die Dinge auf uns wirken. Und wodurch lernen wir die Welt in unseren Alltag am meisten kennen, durch wiederum technische Bilder die von uns Aufmerksamkeit einfordern. Hier spielt im Denken Baudrillard/Debord`s die imaginäre Ökonomie eine zentrale Rolle. Sie besagt, dass im Konsumkapitalismus eine Ware sich von den anderen gleichen Waren, nur durch ein Eigenleben abgrenzen kann. Da sich in unserem Warenüberschuss-Angebot immer mehr gleiche sind, Waren zum Kauf anbieten, muss eine Unterscheidung konstruiert werden, dies geschieht durch Bilder - durch ihr Image. Ihr "Image" verspricht mehr als nur die Ware zu sein, die Ware wird zum Symbol, zum Zeichen für etwas anderes. "So kommt es, dass im gegenwärtigen Kapitalismus die Bilder der Dinge wichtiger werden als die Dinge selbst - und sich immer stärker in den Vordergrund des Sozialen drängen" (Strehle, 2012: 40) Ausdruck dieses Systems ist die Werbung. "Die Werbung stellten en bloc eine überflüssige und unwesentliche Welt dar. Sie ist eine reine Konnotation. Weder in der Produktion, noch in der Verwendung der Gegenstände hat sie eine Leistung zu erbringen, und trotzdem fügt sie sich auf vollkommene Weise in das System der Gegenstände ein: (…) Sie bildet ein Gespräch über den Gegenstand und ist selbst Gegenstand." (Baudrillard, 2001: 203). Die Vorstellung des Schlaraffenlandes als Denkmuster für unsere Konsumgesellschaft ist prägend gewesen. Der Überfluss der im Schlaraffenland herrscht, bedingt eine "Wegwerfgesellschaft". "Denn jede Gesellschaft, so Baudrillard, benötigt bestimmte Gesten der Verschwendung, um sich ihrer eigenen Vitalität und Kraft zu versichern (…). Auch das Leben im Schlaraffenland beruht auf eiserner Disziplin und subtilem Zwang. Fortwährend reguliert das System seine Konsumenten, auf deren `Konsumtivkraft´ es ebenso angewiesen ist, wie auf ihre Produktivkraft als Arbeiter. Und ganz so wie der Arbeiter zum arbeitsamen Produzenten historisch erst zugerichtet werden musste (…) so muss auch der Konsument erst durch das System des Konsums zu- und ausgerichtet werden" (Strehle, 2012: 41,44). Die Arbeit die die hohe Produktivkraft des Schlaraffenlandes erhält hat jedoch einen hohen Preis. Nicht nur der Überfluss der Waren, der konkrete ökologische Schäden verursacht ist zu verzeichnen, sondern eine fortschreitenden Verdinglichung des Menschen. " Nein der Arbeiter ist kein Mensch mehr, er ist weder Mann noch Frau, denn er hat ein ganz eigenes Geschlecht: diese Arbeitkraft, die sein Zweck bestimmt." (Baudrillard, 1982: 26). Der Unterschied zwischen Ware und Arbeiter ist kaum noch zu erkennen. Subjekt und Objekt verschmelzen im modernen Arbeitsmarkt zur Ware, es gelten die gleichen Regeln von Preis, Angebot und Nachfrage. Auch hier produzieren wir Überschusse an Arbeitskraft und Verschwenden diese. "Die Arbeitskraft gründet sich auf den Tod. Ein Mensch muss sterben, um Arbeitkraft zu werden. Diesen Tod münzt er im Lohn aus. (…) Die Arbeit ist ein langsamer Tod. Man versteht das im Allgemeinen im Sinn einer körperlichen Erschöpfung. Es ist aber anders aufzufassen: Die Arbeit ist nicht als eine Art Tod dem ´erfüllten Leben´ entgegengesetzt, wie es die idealistische Sichtweise will, sondern sie stellt sich als langsamer Tod dem gewaltsamen Tod entgegen." (Baudrillard, 1982: 69) Arbeit fixiert uns: Arbeitsplätze, Schulen usw. selbst in der Arbeitslosigkeit werden wir in Fortbildungen oder Maßnahmen fixiert, um kontrollierbar zu bleiben. Die Macht geht vom Herren aus und seine Macht ist es den Knecht am leben zu lassen, nicht ihn zu Töten. Vgl. (Baudrillard, 1982: 69). "Arbeit, Produktion, Ausbeutung sind nur einige der möglichen Verwandlungen dieser Machtstruktur, die eine Todesstruktur ist." (Baudrillard, 1982: 70). Die Ökonomie, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dient, braucht den langsamen Tod in der Form von Arbeit, nicht den Opfertod. Eine Plurale Ökonomie muss die Wirkung der Arbeit, des langsamen Todes abschwächen und eine Möglichkeit zu "Erfüllung" bieten. Es müssen nicht nur andere Arbeitszeitmodelle und Orte, möglich sein, (Ansetzt werden probiert Home-Office; Gleitzeit), sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen bei der Arbeit, als Teil der Arbeit definiert werden. Auch die Beziehung zwischen Mensch und Maschinen, in wie weit die Maschine den Menschen prägt, wird in der heutigen Arbeitwelt zu wenig mitgedacht. Dabei geht es nicht nur um das "Fließband" sondern verstärkt um die modernen Kommunikationsmittel. Die "Leine" des Arbeitgebers, das Handy, fixiert den Arbeiter zwar nicht mehr an einem Ort, aber es fixiert seine Aufmerksamkeit immer auf die Arbeit, also auf sich als Arbeiter, als Funktionsträger, als Untergebener. Ein "erfülltes Leben" muss ein menschliches sein, kein rein funktionales. Die wissenschaftlichen Fragestellungen die im Sammelband von mir unter Bezugnahmen auf Baudrillard, erörtert werden würden sind zweierlei: A) Wie fügt sich die imaginäre Ökonomie in die Plurale Ökonomie ein und welche Funktion könnte sie übernehmen? B) Können durch eine historisch / kulturelle und dialektische Betrachtung der "Arbeitsverhältnisse" neue Arbeitsmodel - Impulse entstehen?

Baudrillard, Jean (1982): Der symbolische Tausch und der Tod, Mattes & Seitz Verlag,

München

Baudrillard, Jean (2001): Das System der Dinge, campus studium Verlag, Frankfurt/New York

Flusser, Vilem (1998): Standpunkte, Verlag: European Photography, Göttingen

Strehle, Samuel (2012): Zur Aktualität von Jean Baudrillard, VS Verlag, Wiesbaden