artspacevoice

artspacevoice

Raumkultur

Seminare/VorträgePosted by artpromotor Wed, March 23, 2016 15:16:31

Als Kultursoziologe verfolgte ich auch immer die Fragen, wie Räume (Innen und Außen) auf das Verhalten der Menschen wirken und umgekehrt, wie die Menschen auf die Räume einwirken. Menschen neigen dazu, sich der Räume, die sie umgeben durch Zeichen anzueignen. Jede Höhlenmalerei ist ein Indiz für eine Wohnstätte, jedes Graffiti, jedes Poster an der Wand ebenfalls. Pierre Bourdieu zeigt in seinen Forschungen wie der Habitus, den sozialen Raum verändert. Das soziale Feld in dem wir leben, entsteht nach Bourdieu aus dem Kampf zwischen Klassen und Masse, zwischen sozialen Milieus, deren Gräben sich immer mehr vertiefen. Der Soziale-Raum ist dabei eine Kampfzone geworden, die Räume spiegeln die gesellschaftlichen Konflikte wieder. In wie weit kann die Architektur nun in diesen Konflikt eingreifen? Die Sozialraumforschung sucht nach Möglichkeiten Räume "deeskalierend" wirken zu lassen und neue Raumerfahrungen zuzulassen. Diese können neue Bewegungs- und Verhaltensmuster injizieren. Gebäude sind auch Macht-Instrumente, sie können die Bewohner unterwerfen oder erheben. Soziale Probleme, entstehen nicht nur in Räumen sondern auch durch Räume, so eine weitere meiner Forschungsthese. Hier ist die aktuelle Flüchtlingssituation beispielhaft, deren oftmals enger Lebensraum Konflikte produzieren. Eine gendersensibel Architektur in den Aufnahmestellen, könnte sexuelle Übergriffe, Belästigengen vorbeugen. Allein reisende Frauen wären auch als Gruppe und in speziellen Wohneinheiten besser geschützt. Das Aufgeben und neu konstruieren des sozialen Geschlechtes (gender role), fordert eine neue Identitäts-Bestimmung sowohl der weiblichen als auch der männlichen Migrant_innen ein. In wieweit können Orte und Räume diesen Veränderungsprozess unterstützen? Integration kann nur erfolgreich stattfinden, wenn auch in der kleinsten Einheit, auf der die Gemeinschaft fußt, der Familie / die Partnerschaft Umbrüche zugelassen werden. Rollen Muster müssen sich verändern, ein weibliches Selbstbewusstsein muss gestärkt werden, dies ist die Grundbedingung für eine "freies miteinander Leben" im Raum Europa. Die Frage bleibt: Wie können Räume gestaltet werden, gerade in sozialen Brennpunkten, die den menschlichen Bedürfnissen mehr entsprechen und damit Konfliktpotenzial abbauen. Der "Wohnkasten", in dem der Mensch den Raum nicht mehr hinterfragt, sondern als zwingend wahrnimmt, muss hinterfragt werden. Dieses Gefühl des "Zwangs" im Sinne von "sich hinein zwängen" ist belastend. Foucault nennt diesen Zwang „elementare Lokalisierung oder Parzellierung" und beschreibt es in seiner Arbeit Überwachen und Strafen - Die Geburt des Gefängnisses als „lebender Tableaus“. Die Übereinstimmungen zwischen Zellen, Orte der Bestrafung und Sozialbauten als Wohnblock, sind auffällig. Zum Beispiel werden die Zellen von den Insassen mit Zeichen versehen, an Wänden, Tischen und Stühlen. Der urbane Raum zeigt die gleichen Zeichen in Form von Graffitis, umso mehr soziale Spannung, desto häufiger gibt es diese Codes (Graffitis). "Das Monopol dieser überall im urbanen Gewebe zerstreuten Codes ist die wirkliche Form des gesellschaftlichen Verhältnisses." (Baudrillard, Kool Killer). Die Chance durch neue Räume / Formate, neue soziale Beziehungen zu erschaffen ist groß. Nach Max Weber ist diese Chance, die soziale Beziehungen möglich macht, eine Chance auf sinnhaftes, soziales Handeln in der Gesellschaft. Die Sozialraumforschung die spezifische historische Ordnungen des Räumlichen als Ergebnis sozialer Handlungsvollzüge und politischer Kämpfe untersucht, ist eine weitere Entwicklung des Ansatzes von Max Weber. Die Ordnung des Räumlichen wird hier als Symptom der historischen, politischen und gender Verhältnisse begriffen, mit Veränderung der Machtverhältnisse würde sich dann auch die Ordnung des Räumlichen verändern. Wenn der These nachgegangen wird, dass Architektur Macht (meist männliche) zementieren kann, kann sie auch demokratische, weibliche und soziale Werte zementieren. Wenn Graffitis Codes sind, sind auch Gebäude, Räume und Formate Codes. "Ein Code ist ein System aus Symbolen. Sein Zweck ist, Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen. (…) Er muß zu `vermitteln´ versuchen, er muß versuchen, der `Welt´ eine Bedeutung zu geben. Wo immer man Codes entdeckt, kann man auf menschliche Gegenwart schließen" (Vilem Flusser, Die Revolution der Bilder). Künstlich geschaffene historische Räume sind also als Code zu verstehen, den es zu entschlüsseln gilt. Werden neue Codes durch Räume geschaffen, sollte der Code für die Menschen entschlüsselbar sein. Ohne Entschlüsselung kann keine Kommunikation stattfinden. Denn so wie jeder Raum unbestritten einen Klang hat (Resonanzraum), hat er auch eine Wirkung auf die Menschen in ihm, eine soziale Resonanz sozusagen, diese deuten zu können ist wichtig, wollen wir das räumliche miteinander, friedlich gestallten. Wohnkultur ist im diesem Sinnen auch Raumkultur, die prägend wirkt.